Törnbericht von Athen nach Korfu

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Törnbericht von Athen nach Korfu

Irgendwann im März kam der Anruf vom Sailingteam. Ich wurde gefragt, ob ich eine Yacht samt Gast-Crew auf einem Törn von Athen nach Korfu im Juli überführen möchte. Ich halte kurz Rücksprache und sage zu. Dies ist der Törnbericht bon Athen nach Korfu.

Es beginnt, wie so viele Segelreisen, an einem Samstagmorgen. Genau genommen Samstagnacht, da ich um 5 Uhr morgens aufstehe. Ich habe meinen Urlaub um einen Tag verkürzt, um die Yacht samt Crew von Athen nach Korfu zu Skippern. Ich freute mich auf den Segeltörn von Athen nach Korfu, auch wenn ich natürlich ungern einen Tag meines Urlaubs auf Ibiza sausen lasse.

Um 6:00 komme ich am Flughafen an. Das Sailingteam hat mir die Flüge organisiert. Erst nach Mailand und dann nach Athen. Ich schaue schnell auf die Tafel und rase zu dem Schalter, den ich für Mailand ausfindig machen konnte, da der Schalter um 6:05 schließen sollte. Keiner da. Ich habe auch nichts anderes erwartet, da der Schalter ja eh in 4 Minuten schließt. Die Dame hinter dem Schalter sagt mir, dass ich noch Zeit hätte, da der Schalter ja erst 2 Stunden vor Abflug öffnet…. Moment! Fragend erkläre ich, dass ich davon ausging, dass der Schalter kurz vor der Schließung steht, da mein Flug ja um 6:45 gehen würde. Auf die Frage mit welcher Airline ich denn fliegen würde, lief mir nach meiner kleinen Rennaktion das zweite Mal der Schweiß über die Stirn. Ich stand vor einem Easyjet Schalter und sollte aber mit Vueling fliegen. Easyjet fertigt an Schalter 66 ab und Vueling an Schalter 5. Also eine weitere Rennaktion.

 

6:05. Auf die Minute. Niemand da. Am Schalter 1 fertigt Iberia ab. Ich frage die Dame an 1, wo denn Vueling sei und sie sagt, dass sie nichts machen könne. Der Schalter ist geschlossen. Das vierte mal Schweiß auf der Stirn. Und jetzt? Mein Flehen half nicht. Und ich habe eine Menge getan! Die Dame bleibt stur. Ich stehe kurz vor meinem ersten richtigen Nervenzusammenbruch.  Oh Gott. Die Crew in Athen wartet. Wie soll ich da jetzt hinkommen? Da ein Flug mit zwei Airlines nun auch nicht nach „Nehmen sie einfach die nächste Maschine“ schreit, stehe ich auf dem Schlauch. Nach mehrfachem Flehen ruft die Dame am Iberia Schalter wen-auch-immer an. Ich habe kurz Angst, dass sie die Security bemüht und ich aus dem Flughafen katapultiert werde. Mein Spanisch ist nach wie vor überschaubar gut. Wortfetzen, die ich verstehe, verraten mir, dass sie noch mal fragte, ob irgendetwas ginge. Es geht nichts. Ich soll zum Ticketschalter gehen. Witzig.

 

Auch hier wieder das gute alte „fleh fleh – bettel bettel“ Spiel. Nichts. Ich könne einen Flug um 21 Uhr nach Mailand nehmen. Gute Idee. In Windeseile blättere ich durch Swoodoo, Kiwi und Google, um zu schauen, wie ich noch nach Athen kommen kann. Meine früheste Option war irgendwann am nächsten Morgen. Also keine Option.

 

Dann fiel mir der Easyjet Schalter ein und die Dame, die mir sagte, dass ich für den Flug nach Mailand viel zu früh sei! Ich öffne die Webseite von Easyjet und suche den Flug. Gefunden! Gebucht! Ich sollte um 10:10 ankommen. Um 11:00 geht es weiter. Scheint so gerade eben mit der Briefmarke berechnet zu klappen.

 

Am Check-in – also wieder vom Vueling Verkauf bei Check-in 7 zu 66 – erkennt mich die Dame wieder und konnte kaum fassen, dass ich in der Kürze der Zeit einen Flug gebucht habe. Jedoch spielt sich kurz zuvor eine der üblichen Preiswert-Airlines Szenen ab. Der einzucheckende  Koffer eines Fluggastes ist zu schwer und der Fluggast wurde gebeten 50 Euro nachzuzahlen. Die Dame, die den Koffer mitnehmen will, fängt an hysterisch zu kreischen – um mittlerweile 6:30 morgens. Der Koffer sei ja auch auf dem Hinflug mitgekommen und sie hätte ja nichts gekauft. Mag sein, aber wenn sich Meerwasser und Luftfeuchtigkeit treffen, kommen bei einem 18kg Koffer auf dem Hinflug gerne mal 2-3 Kg auf dem Rückflug dazu. Ähnlich scheint es bei ihrem Handgepäck der Fall zu sein. Nach gefühlten 10 Minuten gibt die Check-in Frau auf und bittet den nächsten Fluggast zum Schalter. Die andere schreit weiter. Aber es geht voran. Ich installiere mir die Easyjet App, sodass ich für den Flug einchecken kann. Allerdings geht der mobile check in nur bis 2H vor Abflug. Ansonsten könne man sich auch ein Ticket zur Service Charge von 10 Euro am Flughafen drucken lassen. Tief durchatmen dachte ich mir. Ich war der nächste in der Schlange.

 

Es kam noch eben eine SMS von einem der Mitreisenden auf der Yacht, der mich fragte, wie er denn wohl vom Flughafen zur Marina kommen soll und was aus dem abgefragten Shuttle-Service geworden sei. Schuttle-Service … Ich halte inne. Denke nach. Denke ein paar Sekunden über meine aktuelle Gesamtsituation nach. Und empfehle ihm ein Taxi.

 

Durch mein Kurzfristig Ticket komme ich ins „SpeedyBoarding“, wie Easyjet es nennt. Mein Gepäck kann allerdings nicht nach Korfu durchgecheckt werden, da Easyjet so was grundsätzlich nicht tut. Yeah. Also wurde aus meiner Briefmarkenbreiten Zeit zwischen Ankunft und Weiterflug irgendetwas im Minusbereich. Die gute Frau am Schalter gibt mir jedoch den Tipp, einfach mein Gepäck mit durch die Security zu nehmen, sodass ich es am Gate einchecken könne. Für nur 50 Euro ist das kein Problem. Zumindest habe ich wieder etwas Hoffnung.

 

Da ich mittlerweile nun die App von Easyjet auf meinem Telefon habe und natürlich auch schon für den Flug Mailand-Athen den Check-in vorgenommen habe, bin ich mehr oder weniger auf der sicheren Seite. Ich gehe durch die Security, kaufte mir einen Kaffee und lasse mich in einen Stuhl fallen. Durch die Glasscheibe kann ich die Fluggäste beobachten, die gerade in die Vueling Maschine nach Mailand steigen. Arschlöcher. Billig Airlines sind irgendwie für den Popo. Dann sind diese Fluggesellschaften aber auch wieder gut, wenn man mal eben innerhalb von einer Stunde einen Flug benötigt, auch wenn die Preise dann nichts mehr mit einer Billig Airline zu tun haben.

 

Dann kommt die Nachricht: „Ihr Easyjet Flug nach Athen verspätet sich um voraussichtlich 30 Minuten.“ Echt jetzt? Großartig!

 

Einsteigen. SpeedyBoarding sei dank war ich der Erste – in meinem ersten Easyjet Flug. Ich habe einen Platz am Gang in Reihe 3. Nach einiger Zeit kommen zwei jüngere Herren zu mir und wollen durchrutschen. Den Armbändern der verschiedenen Clubs und Events nach zu urteilen haben sie mindestens 7 Tage durchgefeiert. Dem sofortigen Geschnarche nach dem Hinsetzen nach ebenfalls. Ich schaue noch einmal in meinen Törnführer und bearbeitete meine geplante Reiseroute mit der Yacht. Das Frühstück an Bord lasse ich, mangels Angebot, aus.

 

Angekommen in Mailand warte ich auf meinen Koffer. Und warte. Und warte. 10:30. Noch kein Koffer. 10:45. Koffer! Es gibt einen super Service am Flughafen Mailand, der einen direkt wieder eincheckt, noch während man im Bereich der Gepäckaufnahme steht. Allerdings stehen hier 10 Personen vor mir. Ich frage mich durch bis zur Position drei, da werde ich darauf hingewiesen, dass es direkt im Abflugbereich schneller gehen soll. Ich gehe raus und frage eine Dame vom Flughafen, wo denn der Abflugbereich sei. Raus aus dem Gebäude und rein in ein anderes. Also: Rennen. An Kindern, Müttern, Vätern, Taxifahrern, Hunden, Gepäck, Opis und Omis vorbei.

 

Angekommen in der Abflughalle erkenne ich ca. 150 Leute in einer Check-in Schlange. Schweißausbruch der x-te heute. Dann erspähe ich einen „Ground Hero“. Den weise ich auf meine Situation hin. Also spät, aber es könne doch bestimmt noch was gehen, oder? Er sagt, dass das gar kein Problem sei und ich mich anstellen solle. Gesagt. Getan.

 

30 Sekunden später schrie er mir hinterher und bat mich noch einmal meine Daten zu bestätigen. Da rief es auch schon „Oh Shit“ aus ihm heraus. Er geleitete mich zum URGENT Schalter und bat die Dame hinter dem Schalter mich einzuchecken. Zumindest habe ich mir eingebildet, dass die beiden über mich sprachen. Da Italienisch de facto auf meiner Festplatte nicht vorhanden ist, weiß ich bis heute nicht, was er ihr gesagt hat. Egal, sie checkt mein Gepäck ein! Yeah! Ich kann durch die Security gehen. Die haben erst mal mein komplettes Handgepäck auseinander genommen. Sind denn ein iPad, ein Laptop, eine Spiegelreflexkamera nebst zwei Objektiven, eine GoPro und ein paar Batterien nebst Powerbanks wirklich ungewöhnlich? Kaum zu glauben.

 

Ich rase zum Gate. Wieder vorbei an Mamis, Papis, Kindern, Omas und Opas. Noch ein Hindernislauf. Dann bin ich da. Ich bin da!!! Und das Boarding beginnt gerade. Ich erstelle schnell eine WhatsApp Gruppe, in der ich alle mir bekannten Nummern der Mitreisenden hinzufüge und diese über meine Verspätung informiere. Da das Boarding des Bootes eh erst um 17 Uhr erfolgen soll, scheint alles im Plan zu sein. Dieses Mal kein SpeedyBoarding für mich, aber ich bin glücklich, dass ich es zu meinem Flug nach Athen geschafft habe. Alle Fluggäste stehen im nicht klimatisierten Finger zum Flugzeug. Es dauert noch einmal 10 Minuten bis es weiter geht.

 

Im Flugzeug berichtet der Kapitän, dass der Flug sich verspätet hat, da ein Crewmitglied an diesem Morgen nicht pünktlich zur Arbeit erschien und man auf diese Person hat warten müssen. Wenn diese Person wüsste, wie dankbar ich ihr bin! Ich habe einen Fensterplatz und genieße den Flug. Mangels Angebot schlage ich auch das Mittagessen aus.

 

Ankunft in Athen. Alter ist das heiß! 45 Grad Celsius sollen es im Schatten sein. Jeder Luftzug wirkt so, als würde man einen Föhn nebst glühender Kohle ins Gesicht gehalten bekommen. Die Luft brennt förmlich. Während ich am Gepäckband stehe, schaue ich schon mal, ob es in Athen Uber gibt. Gibt es. Toll. Also warte ich auf meinen Koffer. Und warte. Und warte. Ich überlege, wo wohl der Lost-Baggage Schalter sein könnte. Das Band bewegte sich aber noch. Außer mir steht allerdings niemand mehr hier. Die Gummi Matten des Bandes schoben sich langsam aber sicher an mir vorbei. Dann plappern die hängenden Gummi Matten. Da war er! Er kam als letzter. Ich buche das Uber Fahrzeug.

 

Draußen warte ich und versuche den Bereich zu finden, in dem mich der Fahrer abholen soll. Nach ca. 20 Minuten finden wir uns. Es geht los zur Marina Zea in Piraeus.

 

Der Weg dorthin zieht sich wie Kaugummi. Zum Glück ist der Peugeot 208 gut klimatisiert und der Fahrer freundlich. Auf dem Weg telefoniere ich mit Eurowings, um mitzuteilen, dass ich nicht von Ibiza nach Düsseldorf fliegen werde. Der nette Herr am Telefon erklärt mir, nachdem ich 10 Minuten in der Warteschleife hänge, dass er zwar Gepäck hinzu buchen könne, dieses jedoch 10 Euro Service Charge koste. In der App solle es auch ohne Gebühr gehen. Doof nur, dass in der App lediglich „Passagier 1“ und „Passagier 2“ steht. Und ich in der App nicht managen kann, dass ich gar nicht fliegen werde. Wenn ich also nicht fliege und Gepäck beim falschen Passagier hinzu buche, dann gibt es am Airport doch wieder Mord und Totschlag. Er sagt, ich solle das Gepäck bei Passagier 2 buchen und alles würde funktionieren.

 

Wir legen auf. Ich öffnete die App, um das besprochene in die Tat umzusetzen. Diese  erklärt mir, dass ich die Buchung nicht bearbeiten könne, da sie gerade erst extern bearbeitet wurde. Ich sollte es später versuchen, oder im Service Center anrufen.

 

In Piraeus stehen wir 30 Minuten im Stau. Ich korrespondiere mit der Crew per WhatsApp, die mir sagt, dass sie in einer Bar an der Marina auf mich warten würde. Wir kommen am Hafen an. Ich sehe die Yacht, steige aus, bedanke mich beim Fahrer und schleppe in dieser Ultra-Hitze mein Gepäck auf das Boot. Danach suche ich die Bar auf.

 

In der Bar angekommen, suche ich nach meiner Crew. Drei Männer und eine Frau. Laut Crewliste, die ich vorher vom Sailingteam bekam, liegen die Herren in den End 40ern, bzw Anfang 50ern. Die Dame hingegen ist Ende 20, sodass ich von der Tochter ausging. Allerdings hatte sie einen anderen Nachnamen.

 

In der klimatisierten Bar – Gott sei dank –  finde ich in der Nähe der Tür drei Herren, die in der Mitte des Tisches eine Flasche Rosé platziert haben und mich anschauen.  Zweifelsohne war das meine Crew. Ich spreche sie an und entschuldige mich für meine verspätete Ankunft. Das kleine Vormittags-Intermezzo habe ich erst einmal besser für mich behalten. Kurz nachdem ich mich setze, kommt die Dame dazu. Schnell ist klar, dass sie nicht die Tochter einer der Herren ist.

 

Als ob es kein Urlaub wäre, fragte die Gruppe, ob wir denn am Samstag auch am Morgen schon auf Korfu seien und ob ich sie vielleicht in der Nähe des Flughafens am Freitagabend absetzen könne. In meinem Kopf spielten sich Analogien zu Taxi- oder Busfahrern ab. Es stellt sich heraus, dass zwei Herren und die Dame eine Gruppe sind und der vierte im Bunde allein ist und endlich mal wieder segeln will. Die beiden Herren der Gruppe machen klar, dass sie gar nicht mehr arbeiten müssen, da sie als Broker jede Menge Schotter gemacht haben und sich nun im Dauerurlaub befänden. Die Drei wollen ohnehin am liebsten von Bucht zu Bucht fahren, viel Wein trinken und Abends das Nachtleben der Städte und Dörfer an der Küste Griechenlands genießen. Der Vierte mit dem Namen Tom will nur segeln. Am liebsten heute noch raus, da es in der Marina ja viel zu warm sei. In einer Bucht gehe es sicher besser. Ich atme tief durch.

 

Noch in Spanien sprach ich immer mal wieder zwischendurch mit Frank, meinem Vorskipper, der mir etwas von „ich habe nur Handgepäck dabei“ berichtete und sagte, dass er kaum Wind hatte. Wenn Wind da war, dann ging es flott voran, sodass er durchaus Tage mit 60-70 Seemeilen abreißen konnte. Das vor uns liegende Stück von Athen nach Korfu liegt bei insgesamt 300 Seemeilen. Wenn man sich die Mühe macht und mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 5 Knoten – und das ist optimistisch gerechnet – den Törn berechnet, kommt man darauf, dass man in 6 Tagen ca. 50 Seemeilen täglich zurück legen muss und somit täglich ca. 10 Stunden auf dem Wasser sein wird, um zu segeln. Klar fährt diese wunderbare Gib Sea 43 mitunter 8-9 Knoten. Das aber genau bei Seitenwind bzw. halbem Wind und guten 20 Knoten wahrem Wind.

 

First things first, denke ich mir und erkläre der Crew, dass wir heute aus mehreren Gründen nur sehr schwer los kommen werden. Zu aller erst müssen wir Vorräte bunkern, da wir ja unterwegs etwas zu essen und trinken haben müssen. Die drei verweisen darauf, dass sie Abends eh in eine Taverne einlaufen wollten und sie ohnehin nicht frühstücken würden, sodass ich erkläre, dass sie nicht „all inclusive“ auf der Aida gebucht haben, sondern einen Segeltörn, der erwarte, dass man sich vorbereite. Darüber hinaus erkläre ich, dass in der Regel die, die  „nicht frühstücken“ meist gegen 11 auf die Idee kommen, sich erst mal ein Mahl zuzubereiten, also erst mal den Kühlschrank zu öffnen und alles was geht heraus zu holen – natürlich nicht ohne etwas auf den Boden zu werfen, was man dann am Abend wieder entfernen muss, da dann jeder einsieht, dass man bei Wellengang und voller Fahrt nicht „mal eben“ als unerfahrener Segler eine Mahlzeit zubereitet – während man gerade versucht, sich auf den Tag, die Yacht, die Crew und das Wetter einzugrooven.

 

Meine Hinweise werden ignoriert und statt dessen eine weitere Flasche Rosé bestellt. Es sollte wohl die 8. an diesem Tag sein, so wird mir später berichtet. So kommen wir auf keinen Fall noch heute aus dem Hafen, dachte ich mir. Nach weiteren eindringlichen Erklärungen wird dann zumindest augenscheinlich verstanden, dass wir Vorräte Bunkern müssen, was dazu führte, dass die Crew mich fragte, wann ich mich denn auf den Weg machen würde um einzukaufen. Weitere Erklärungen sind offensichtlich von Nöten. Es stellen sich Fragen, wo denn wohl der nächste Supermarkt sei und wie lange er geöffnet hat. Google fand Antworten.

 

Wir haben also eine Crew. Diese besteht aus einem Pärchen, bei dem sie (Linda) ca. 20 Jahre jünger war als er. Er (Georg) war wohlhabend und beide erzählten oft von ihrem aktuellem Domizil dem Zillertal, dass es dort auch jede Menge UV Strahlung gäbe, deren voll-automatischem Haus in Potsdam, welches allerdings die Hausverwaltung managed, da sie eh kaum da sind und wo sie überall auf der Welt schon Urlaub gemacht hätten. Zum Paar gesellte sich Jonas, der ebenfalls wie Georg sein Geld auf dem Parkett an der Börse verdiente. Beide waren wohl im Management. Georg erzählt, dass er nie verstand, warum seine Mitarbeiter nicht besser wurden, wenn er ihnen mehr Geld gab, sondern ihm einst sagten, dass sie es viel besser fänden, wenn er ihnen auch etwas persönliche Anerkennung geben würde. Dies tat er dann durch Vorheuchelei, wie er selbst sagt, da er so viel Zwischenmenschlichkeit nicht brauchen würde. Jonas hingegen ist etwas stiller und wirkt gewissenhafter. Er berichtet von Frau und Kind daheim. Daheim ist in der Nähe von München. Tom gehört noch zur arbeitenden Fraktion und verdient seine Brötchen im Management eines Luftfahrtunternehmens. Ein netter, bunter Haufen.

 

Ich gehe mit Tom zur Yacht, um eine Vorschlags-Einkaufsliste auszuhändigen, die das Sailingteam vorbereitet hat. Er geht wieder zurück zur Bar, um mit den anderen einzukaufen. Ich bleibe an Bord, um mich schon mal einzurichten, alles zu checken und um das Schiff vorzubereiten. Ich warte 1.5 Stunden. Noch niemand da. Also entscheide ich mich die Dusche aufzusuchen, da jede Pore meines Körpers mittlerweile kühlende Schweißperlen herausdrückt. Die Dusche liegt noch hinter der Bar, in der wir uns ursprünglich trafen, sodass ich auf dem Rückweg der Dusche erkenne, dass Georg in der Bar sitzt und an einem Gin Tonic nippt. Auf meine Frage, wo wohl die anderen seien, bekomme ich ein Achselzucken. Also gehe ich zurück zum Schiff und warte. 30 Minuten später taucht die Meute auf und trägt die Taschen an den Steg. Wir verladen zu viert. Auf den ersten Blick erspähe ich, dass echtes Kaffeemehl fehlt. Stattdessen gibt es löslichen Kaffee. Säfte aus Direktsaft gibt es auch nicht. Lediglich Zuckerwasser mit Fruchtgeschmack. Dafür eine Auswahl an Weinen und 36 Dosen Bier. Für 6 Tage. 12 Dosen. Ebenso 26 Liter Wasser. Für eine Woche mit 5 Personen. Der Aufschnitt war ebenfalls überschaubar. Dafür gibt es Teelichte und etwas Gemüse.

 

Es ist bereits kurz vor 8. Georg ist noch immer nicht da.  Ich frage also wo er denn sei und Linda erklärt, dass er kommen würde, wenn wir ihn brauchen. Ich versuche mich darin, noch einmal den Begriff „Crew“ mit Worten wie „füreinander da“ und „gemeinsam“ zu erklären – und schreibe eine SMS an Georg. Nach 10 Minuten eine Weitere. Er kommt 30 Minute später mit den Worten, dass sein Telefon aus sei und er die ganze Zeit auf uns an der Bar gewartet habe. Ich öffne das erste Bier, da für mich klar ist, dass wir heute nicht mehr ablegen werden und beginne mit der Sicherheitseinweisung, nicht ohne den Kommentar zu bekommen, dass man das alles ja auch schon vorher hätte schriftlich mitteilen können. Ich versuche zu skizzieren, wie man sich schriftlich die Rettungsweste anzieht und schriftlich Seeventile schließt. Danach erkläre und zeige ich nebst Gas, Strom und Rettungsmitteln eben diese Gegenstände und deren Funktionen.

 

Ich bemerke, dass die Wasserpumpe nicht aufhört zu pumpen und versuche dem Problem auf die Spur zu kommen, während es im Cockpit langsam gemütlich wird. Nach kurzer Rücksprache mit dem Sailingteam versuchte ich die üblichen Maßnahmen. Wasser laufen lassen, um Luft entweichen zu lassen, Druck mit einer externen Pumpe aufbauen. Gucken, ob die Tanks auch wirklich voll sind. Waren sie natürlich nicht. Also Wasser gebunkert und Rohre von Luft befreit. Die Pumpe wurde still, sprang aber immer wieder an. Ich schalte die Sicherung der Pumpe also einfach aus.

 

Linda, Georg und Jonas wollen noch etwas essen gehen. Tom möchte eine Kleinigkeit an Bord essen und nimmt sich ein großes Stück Brot nebst etwas Obst. Wir gehen in ein Restaurant neben der Bar und essen – nicht ohne eine weitere Flasche Rosé zu bestellen. Noch vor dem Zahlvorgang wetten Georg und Jonas, wie hoch wohl die Rechnung ausfallen wird, um zu bestimmen, wer die Rechnung bezahlt. Als die Rechnung kommt, fällt auf, dass der Betrag zu gering ist, sodass die Bedienung darauf hingewiesen wird, dass der Wein fehlt. Sehr nett, wie ich finde. Jedoch fordert Georg prompt Ouzo ein, da er ja schließlich den Fehler gefunden habe. Der Kellner verneint, da der Wein ohnehin vom Neben-Restaurant kam und dort auch hätte bezahlt werden müssen. Ansonsten wäre es ein klarer Fall von Zeche prellen gewesen. Georg besteht auf den Ouzo. Der Kellner verneint erneut, sodass es zu einer kleinen Diskussion kommt.. Georg gibt nach, gibr dem Kellner den Zahlbetrag und wir können gehen. Danach fallen wir ins Bett.

 

Am nächsten Morgen stehe ich auf, um in den Waschräumen meinen Schweiß gegen Wasser zu tauschen. Die Marina ist sehr gepflegt, doch versammelt sich durch die im Sommer schon fast üblichen Streiks der griechischen Müllabfuhr einiges an Unrat rund um die Waschräume. Vorher absolviere ich noch eine kleine 4KM Laufrunde rund um den Hafen. Da Boot ist ja bereits vorbereitet und das Problem mit dem Wasserdruck scheint gelöst. Nach der Dusche – man konnte nicht auf eiskalt stellen – bewaffne ich mich mit den Bootspapieren und gehe in Richtung Hafenmeister. Punkt 10 war ich dort. Natürlich trollen schon ein paar Nasen vor dem Büro herum. Ich darf als zweiter ran und übergebe die 52,- € Hafengebühren, die ich aus der Bordkasse nehme. Die Crew hat es tatsächlich geschafft eine solche Kasse einzurichten, nachdem ich höflich aber bestimmt darum noch am Morgen bat.

 

Mittlerweile ist es 10:30, als ich am Boot ankomme. Ich erkläre das Ablegemanöver, frage, ob auch alle gesund seien oder ich während der Reise irgendwelche Krankheiten berücksichtigen müsse – was vereint wurde – und lege mit der Crew ab. Wir fahren aus dem Hafen heraus und üben mal eben schnell, wie wohl so ein Webeleinstek funktioniert. Dann holen wir die Fender ein und binden sie wieder hinten fest. Ich knote besser alle Fender erneut an. Kurs: Kanal von Korinthe.

 

Morgens wollte natürlich niemand frühstücken, sodass ich lediglich einen Kaffee aus einem umliegenden Café mitgebracht bekam. Ich aß am frühen Morgen also besser noch einen Apfel. Gegen 11:30 ist es dann soweit. Die Crew bekommt Hunger und Linda geht schon mal runter in die Pantry, um ein frühes Mittagessen vorzubereiten. Kurz vorher wandert noch die erste Flasche Rosé des Tages aus dem Kühlschrank ins Cockpit. Nach weiteren 20 Minuten riecht es plötzlich nach Zwiebeln. Nicht roh, sondern angebraten. Aus der Pantry. Also aus dem Inneren des Bootes. Ich startet eine Fragerunde, um zu erfahren, wie lange die Crew wohl glaubt dauerte es, bis man den Geruch von gebratenen Zwiebeln wieder aus dem Salon bekomme. Einvernehmlich wurden die Zwiebeln in Kochwasser erstickt. Damit auch der beißende Geruch. Ich sehe, wie der Kochtopf gefüllt wird, mache mir aber noch keine Gedanken. Ein Fehler, denn ca. 30 Minuten später kann ich nicht mehr an mich halten und versuchte in Erfahrung zu bringen, was denn wohl für ein köstliches Mahl zubereitet wird. Die Antwort war einfach: Eintopf.

 

Eintopf. Wie lange dauert denn so ein Eintopf wohl? Nach einer knappen Stunde ist der Eintopf fertig. Es gibt eine neue Flasche Rosé! Ich versuche kurz ein paar Synapsen der Crew in eine Richtung zu drehen, die darauf hinweisen soll, dass Ressourcen wie Feuer, also im Ursprung Gas, durchaus ihre Begrenzung auf diesem Boot haben. Gleiches Gebet richte ich im Übrigen dann auch noch einmal später mit den Worten „So ein Tank kann schon mal leer werden” an Linda, die gerade das Geschirr unter laufendem Wasser spült. Allerdings muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass der Eintopf sehr lecker war!

 

Nachdem wieder alles verräumt ist, gibt es eine weitere Flasche Rosé. Der Inhalt eines Glases landet direkt auf einem der Sitzkissen. Während ich mich bemühe die Heckdusche in Gang zu bringen, um das Kissen vom Wein und den damit entstandenen Flecken zu befreien, machen es sich Linda und Georg auf dem Deck gemütlich. Wir können ohnehin nur unter Motor fahren, da der Wind entweder gar nicht vorhanden ist und wir eher 45°C Fahrtwind genießen, oder der Wind direkt von vorne kommt. Es fühlt sich an, als würde ein massiver Ganzkörper-high-performance-Föhn vorne am Boot stehen und mit aller Kraft und Hitze pusten.

 

Tom und Jonas bleiben mit mir im Cockpit sitzen, während sie abwechselnd das Boot in Richtung Isthmia steuern. Wir unterhalten uns angenehm über den jeweiligen Alltag und so hat jeder die Chance den andere etwas näher kennen zu lernen, wie natürlich auch etwas von dessen Alltag zu lernen.

 

Vor Isthmia liegt noch ein großer Öl-Terminal, der durch jede Menge Rohre, die vertikal platziert sind, zu identifizieren ist. Aus einigen kommt Feuer, sodass man das Gefühl bekommt, dass diese Feuer die Luft umso weiter anheizen. Darüber hinaus stinkt es nach Öl. Die Luft brennt förmlich und zieht in Nähe des Terminals mit 25 Knoten Windgeschwindigkeit an uns vorbei. Jede Menge Tanker stehen hier herum, Wir kommen Isthmia näher und erkennen, dass der Kanal von Korinth mehr oder weniger gar nicht zu sehen ist. Erst unmittelbar davor erkennen wir den Control Tower und die kleine Schneise, die sich durch die Berge zieht.

 

Wir melden uns per Funkgerät bei „Pilot-Isthmia” an. Im Hafenhandbuch ist zu lesen, dass man mitunter 2 Stunden Wartezeit einplanen soll, wenn man den Kanal von Korinth durchfahren möchte. Der Pilot-Service erklärt uns per Funk, dass wir längsseits an der Pier festmachen sollen. Mittlerweile sind es 25 Knoten heiße Luft. Dankenswerterweise von vorn. Also machen wir alle verfügbaren Fender an Backbord fest und legen die Festmacher bereit. Linda macht einen fantastischen Job beim ausbringen der Fender und der Rest der Crew kümmert sich um die Festmacher. Ich weise noch einmal darauf hin, wie man am Besten die Festmacher wirft und wo man sich am Besten hinstellt, wenn man diese um einen Poller werfen will. Wir starten das Manöver zum Anlegen. Ich sehe eine Person an Land auf uns zukommen. Der gute Mann hilft uns dabei fest zu machen.

 

Da das Ereignis des Kanals von Korinth etwas größer erscheint, kommen alle Herren mit ins Büro der Piloten. Der Vorgang ist so „Standard“ wie ein Vorgang nur sein kann. Für unser kleines 43 Fuß-Bötchen nehmen die Jungs knapp 220,- €. Jonas zahlt mit Kreditkarte. Noch im Büro frage ich, wie lange es denn dauern wird, bis wir passieren können und werde darauf hingewiesen, dass der Pilot nur noch das nächste ankommende Boot abfertigen möchte, um dann die Schwimmbrücken herunter zu lassen. Als wir wieder heraus aus dem Büro gehen, legen vor uns drei Norweger in einer 50 Fuß Yacht an. Gröhlend vermitteln die offensichtlich betrunkenen Norweger uns, dass sie und ein Bier ausgeben wollen. Während ich versuche zu verneinen, geht ein Großteil meiner Crew schon mal an deren Bord.

 

Die Jungs bezahlen ebenfalls ihren Obolus an die Piloten (300,- €) und kommen wieder an Bord. Ich weise darauf hin, dass wir gerne wieder wollen und dass das nur geht, wenn alle abreisebereit sind. Die Norweger waren bereits voll bis unters Dach, schienen aber ihr Boot im Griff zu haben. Die Klimaanlage sei ausgefallen und der Onkel des Skippers, der 2 Sterne Koch aus Chile sei, könne so nicht richtig gut kochen. Ich witzelte kurz darüber, dass ich auch 2 Michelin Sterne an meinen vorderen Reifen hätte. Gelächter. Beim Wort „Klimaanlage” ernte ich harsche Blicke von meiner Crew und witzele darüber dass es ohne Klimaanlage viel einfacher sei, da man weder auf den Batterieverbrauch achten muss, noch viel Platz für das ganze Zeug verbrauchen würde. Ohne eine Klimaanlage kann man einfach ein Fenster öffnen.

 

„Fucking Service” sagt einer der Norweger und fragt mich wie man die Piloten anfunkt. „Pilot Isthmia”. Ah ja. Er fragt ,wann es denn losgehen kann und der Typ im Tower informiert uns, dass er nur auf uns warten würde. Wie bereits 10 Minuten vorher von mir erklärt. Also gehen alle wieder auf ihr zugehöriges Boot und es kann losgehen.

 

An der Pier haben sich mittlerweile ein paar Hunde versammelt, die traurig drein schauen und eigentlich bei der glühenden Hitze mal eine kalte Dusche verdient hätten. Sie sind hier und da von Mücken zerbissen. Ich erkläre, wie wir ablegen und dampfe in die Achterspring, die ich mir vorher zurechtgelegt habe, ein. Danach rufe ich „Vorleine einholen” nach vorne, wo sich Tom platziert hat und lege den Vorwärtsgang ein. Dicht davon gefolgt sage ich auch Georg, dass er die Achterleine einholen kann. Ich gebe etwas mehr Gas und bemerke, dass die Vorleine noch nicht eingeholt ist. Sie klemmt. In den Mäulern der Hunde. Die haben sich nämlich an der Pier versammelt, um mit den ablegenden Booten Tauziehen zu spielen. Wie an einer Kette aufgereiht ziehen sie zu viert an unserer Vorleine. An der anderen Seite steht Tom und zieht aus dem Rücken. Tief durchatmen. Gang raus. Ich erkläre, dass man niemals aus dem Rücken ziehen sollte und bitte Tom die Vorleine an der Klampe zu belegen. Noch einmal durchatmen, die Fragezeichen auf allen Gesichtern ansehen und das gleiche nochmal sagen. Dieses mal EXTREM LAUT. Gesagt, getan. Ich gebe Vollgas. Die Hunde ziehen dagegen. Der Motor der Yacht ist stärker. Na klar. Die Hunde hatten ihren Spaß und geben auf. Ich nehme den Gang raus, damit die Vorleine eingeholt werden kann, ohne in der Schraube ein weiteres Schauspiel zu veranstalten. Das gleiche Spiel machen wir nun noch mal mit der Achterleine. Die Hunde scheinen einen Riesenspaß zu haben. Nachdem wir los sind, beobachten wir das gleiche Spiel mit einer weiteren Yacht, die während unserer kleinen Verständigung mit den Norwegen hinter uns festgemacht hat und nun auch mit uns durch den Kanal fahren möchte.

 

Drei Yachten, angeführt von den Norwegern, fahren in Richtung der mittlerweile schon fast vollständig versunkenen Senkbrücke. Die Lichter schalten auf grün. Die Norweger dümpeln. Nach Minuten der Überlegung und der vergeblichen Funkkontakte setze ich zum Überholen an, da gibt der Norwegische Skipper Vollgas. Schwarze Rauchwolken geben sich aus seinem Auspuff zu erkennen. Wir gehen auf 1400 Touren und fahren in den Kanal gemächlich mit 3 Knoten ein.  Die Yacht hinter uns ebenfalls. Im Kanal werden die Norweger immer langsamer. Wir somit auch, sodass die Crew hinter uns anfängt auf ihrem Boot zu gestikulieren. Genervt schreie ich die volltrunkenen Norweger an und ärgere mich über diese Pappnasen, während mir der Großteil meiner Crew zu verstehen versucht, dass die Norweger doch gar nicht betrunken seien. Die Norweger nehmen wieder Fahrt auf. Während Linda, Georg und Jonas gerne der Einladung der Norweger gefolgt wären in Korinth den Confed Cup (Chile gegen Deutschland) gemeinsam anzuschauen, war Tom strikt dagegen und wollte so weit wie möglich von diesen Typen weg.

 

Kurz vor der Ausfahrt des Kanals von Korinth hören wir den Funkspruch einer havarierten Yacht, wie vor dem Kanal steht. Der Motor springt nicht an und die Yacht ist unter Segeln unterwegs, könne also durchfahren, jedoch lassen die Piloten keine Fahrt unter Segeln mit defektem Motor zu. Wir sehen, wie die Norweger, nicht ohne vorher eine neue Dose Bier zu öffnen und die alte ins Wasser zu schmeißen, längsseits Fender ausbringen und die havarierte Yacht seitlich andocken. Klasse gemacht. Ich frage noch über Funk, ob wir helfen können, höre aber nur, wie der norwegische Skipper mit den Piloten darüber diskutiert, was mit der havarierten Yacht zu tun sei. Als einzige Lösung wurde der Hafen von Korinthen vorgeschlagen. Also sprach es „Fuck, this is quite a deroute” aus dem Gerät. Ich fuhr an dem Dilemma vorbei und überdachte die Ziel-Optionen, die ich mir während der Passage des Kanals zurechtgelegt habe. Das ursprüngliche Ziel, Trizonia Isis, war mit 40 Seemeilen alles andere als realistisch. Galaxis mit 30 Seemeilen lag ebenfalls in weiter Ferne. Also dachte ich, dass wir zumindest 10 Seemeilen bis Kiaton schaffen würden. Mit 20 Knoten Wind knapp von vorn, hätten wir zwar 1-2 Mal Kreuzen müssen, wären aber mit Sicherheit in knapp 2 Stunden dort gewesen. Die Sonne stand allerdings schon tief, sodass ich zumindest 5sm bis Vrakhatiou machen wollte, denn so richtig viel Strecke haben wir bislang nicht zurückgelegt.

 

Ich setzte Segel. Die Crew schaut größtenteils zu. Tom verstand die Begriffe „Im Wind” und „Abfallen” wie „Anluven”, sodass ich ihm sagen konnte, was am Steuerrad zu tun war. Wir fuhren mit 7 Knoten bei  20 Knoten Wind im ersten Reff. Maximal erreicht die Yacht 9.3 Knoten laut Plotter. Die Yacht neigte sich zur Seite. Die Crew holt die Rettungswesten und bekommt Panik in den Augen, wobei mir die Reihenfolge der Ereignisse nicht mehr ganz klar ist. Wir segeln. Der Motor kann ausgeschaltet werden. Ich trimme kurz nach und sehe in den Augen meiner Crew, mit Ausnahme von Tom, nur eins: Blanke Panik. Ich fiere das Groß ein wenig, damit die die ohnehin schon entspannte Lage weiter entspannt. Aktuelle Krängung ca. 20%. Also nix.

 

Bei Windstärke 4-5 und entsprechender See fährt die Yacht perfekt. Nur die Crew hält von dieser Definition von perfekt herzlich wenig und bittet mich sofort den nächsten Hafen anzulaufen. Im Dunkeln hätten sie eh Angst und ihr Leben sei ihnen sehr wichtig. Ich denke kurz an die Menge Rosé zurück und vermute andere Hintergründe. In Anbetracht dieser Vielzahl an Argumenten komme ich dem Wunsch nach. Wir holen die Segel wieder ein und drehen um, und das obwohl wir in der kurzen Zeit schon gute drei Seemeilen zurück gelegt haben. Ich erkläre, dass der Hafen von Korinthen alles andere als geschützt sei und nehme Kurs. Darüber hinaus bitte ich die Fender auszubringen. Da ich noch nicht weiß, wie wir anlegen werden, erst einmal an beiden Seiten. Ebenfalls bitte ich die Festmacher zumindest schon mal an Steuerbord klar zu machen. Während ich noch rede, sehe ich neben mir einen Fender. Im Wasser.

 

Ich bitte den Bootshaken klar zu machen und erkläre, wo wir am Besten den Fender aufnehmen. An den Backbord-Wanten. Tom platziert sich, zieht den Bootshaken aus und ich erkläre, dass der Bootshaken nicht ganz ausgezogen werden kann, da er sonst sich in zwei Teile zerlegt. Der Bootshaken wird wieder ein Stück eingefahren und ich fahre gegen den Wind auf den Fender zu. Der Fender liegt neben uns und Tom fischt. Der Fender treibt ab. Nächster Versuch. Gleiches Spiel. Vor dem nächsten Versuch erkläre ich, dass ich ungern den Fender verlöre, während Georg sagt, dass wir das Dingen einfach schwimmen lassen sollten. Er würde die 100 € schon in die Kasse werfen. Ich erkläre, dass das sehr nett sei, ich aber zum einen sehr ungern die Meere mit Fender verziere, zum zweiten der Hafen von Korinthen nicht unbedingt dafür bekannt ist, anlegende Boot mit Maritimer Ware zu versorgen und zum dritten wir den Fender bei dem Wetter wohl dringend benötigen, um die Yacht vor der Pier zu schützen.

 

Ich frage Georg, ob er Tom wohl helfen könne, bzw den Bootshaken achtern bringen könne, wenn Tom das Ziel verfehle. Dann fahre ich den Fender erneut gegen den Wind an und komme neben dem Fender zum Stillstand. Tom beginnt zu fischen, da reißt ihm Georg den Bootshaken aus der Hand und bringt ihn zu mir. Tief durchatmen. Während Tom an den Wanten herummeckert, dass er so schnell ob seiner Statue nicht aufstehen kann, lege ich den Rückwärtsgang ein und fische den Fender am Heckspiegel ein. Wir fahren in den Hafen, während Georg versucht heraus zu finden, wo denn dieses 2-Sterne Restaurant des Onkels der Norweger in Chile sei.

 

Wir fahren in den Hafen ein und sehen sowohl die norwegische Chilenen-Crew, wie auch das havarierte Boot. Die Norweger helfen uns längsseits festzumachen. Wie vertäuen die Yacht mit allem, was geht und bringen alle Fender an die Steuerbordseite. Es rappelt ordentlich an der Bordwand, aber die Fender halten alles ab. Linda, Georg und Jonas wollen noch in die Stadt, um etwas zu essen und Fußball zu gucken. Tom will an Bord bleiben. Ich kümmere mich noch einmal um die Befestigung aller Leinen und frage kurz, ob ich der havarierten Yacht morgen helfen kann. Der gute Mann wollte am Morgen schauen, wie es wohl weitergeht, da er aller Voraussicht nach eine neue Batterie braucht. Nachdem ich mich bei dem guten Mann erkundigt hatte, suche ich meine Crew am Hafen.

 

Linda und Jonas sind schnell gefunden. Georg ist verschwunden. Also gehen wir ihn suchen. 20 Minuten später laufen wir ihm in die Arme und finden eine Pizza-Bude, die uns anbietet den Fernseher auf das Fussballspiel umzustellen. Die Pizza ist, ebenso wie die vier Bier, die jeder trank, sehr lecker. Nach dem Fußballspiel verrät mir Georg: ”Jürgen, wenn ich so aussehe, dass ich nicht zuhören würde, dann liegt das an meinem Desinteresse.”. Ich bedanke mich für diese wertvolle Information und wir gehen zurück zum Boot, an dem ich noch einmal die Festmacher nachziehe. Dann gehen wir ab ins Bett.

 

Gegen 2 Uhr höre ich Schritte, gefolgt von einer SMS von Jonas. „Ich gehe in ein Hotel. Es wackelt mir hier zu stark.”. Eine Stunde später erhalte ich den gleichen Wortlaut von Linda per SMS. Bis zum morgen wache ich jede Stunde auf und checke, ob mit dem Boot alles sicher ist, da es draußen ordentliche windet. Gegen 7 Uhr wache ich dann final auf und gehe an Deck. Alles Bestens. Ich dusche mich kurz am Heck ab und gehe mit Tom in ein Café, um einen Kaffee zu trinken. Dieses lösliche Zeug an Bord muss ja nicht sein. Außerdem will Tom mal ums Eck gehen. Der Rest der Crew fragt gegen 7:15 per SMS, ob wir nicht auch später losfahren können, da ihnen Ausschlafen recht gut tun würde. Darüber hinaus erhalte ich ein Bild von einer sich krängenden Yacht bei geschätzten 6 Windstärken. Ich bestehe auf ein Treffen um 8, sodass wir uns um 8:20 dann auch alle an der Yacht einfinden.

 

Georg stellt fest, dass er für die innere Sicherheit verantwortlich ist und verschließt seiner Aussage nach alle Luken, Schotts und Ventile. Danach diskutieren wir, ob man bei „diesem Sturm” wirklich auf See fahren sollte. Georg, Linda und Jonas sitzen bereits mit Rettungswesten im Cockpit, während ich noch einmal die Wetterverhältnisse checke. Rod Heikell stellt in seinem Buch „Griechische Küsten” https://www.amazon.de/Griechische-Küsten-Ankerplätze-Rod-Heikell/dp/3892252947 fest, dass man GRIB Daten sowieso schon mal nicht trauen sollte und die Wetternachrichten auch gerne mal nicht stimmten. So war ist es an diesem Morgen. Voraus gesagt sind 10 Knoten Wind. Tatsächlich haben wir 26. Ein kleiner Unterschied. Die Bucht von Patras endet an der Straße von Korinth zwischen zwei Bergen, demnach kann man annehmen, dass der Wind, wenn man weiter in die Straße von Patras hineinfährt, abnimmt. Mit Bestimmtheit kann ich dies natürlich nicht voraussagen.  Ich stelle 26 Knoten Wind fest, was nach BFT Skala noch weit von „Sturm” entfernt ist und halte kurz mit dem Sailingteam Rücksprache. „Fahr los!” war die Antwort.

 

Also diskutiere ich nicht lange, sondern stelle die Linda, Georg und Jonas vor die Wahl mitzufahren oder per Bus, Bahn, Taxi oder Mietwagen nach Patras zu fahren, wo ich sie am nächsten Tag gerne wieder einsammeln kann. Georg war seiner Aussage nach nicht lebensmüde und entschied sich gemeinsam mit den anderen beiden zu de-boarden. Die Taschen waren ja eh noch von der Übernachtung im Hotel gepackt, sodass die drei innerhalb von 2 Minuten von Bord sind. Sie halfen uns beim Ablegen. Persönlich fand ich es natürlich schade nicht mehr komplett zu sein, allerdings geht der Wille des Gasts vor.

 

Der Wind kommt etwas vorlicher als achtern auf der Backbordseite mit 26 Knoten, während wir an der Steuerbordseite längsseits fest liegen. Ich entscheide mich in die Vorspring einzudampfen, wenn auch nicht viel, sodass der Wind direkt von achtern kommt, hole schon mal die Achterspring ein und ich zurück setzen kann. Durch den Radeffekt hat die Yacht eh einen Drall nach Backbord bei der Rückwärtsfahrt. Vorher legen wir unsere Rettungswesten an. Tom geht nach vorn und nimmt die Vorleine und Vorspring entgegen. Vorsichtshalber habe ich vorne alle Leinen noch belegt gelassen. Ich nehme Achterleine an und halte bei 1800 Umdrehungen im Rückwärtsgang die Yacht mehr oder weniger auf einer Höhe. Durch vorsichtiges runterdrehen der Drehlzahl drückt uns der Wind nach vorne, sodass ich mich langsam seitwärts von der Pier entferne. Ich bitte Tom die Position zu halten und hole die Fender rein, da ich etwas wendiger und vor allem schneller bin als er. Nachdem wir Fender und Festmacher verstaut haben, winken wir der Land-Crew ein letztes Mal zu und fahren aus dem Hafen.

 

Der Wind nimmt auf 30 Knoten zu. Steife Brise. Wir beobachten den Wind und stellen fest, dass wir ca 20° zum Wind segeln müssten, um zum Ziel zu kommen. Auch wenn es mit einer Menge Kreuzen verbunden sein wird, entscheiden wir uns Segel zu setzen. Wir starten mal mit dem dritten Reff. Eine gute Entscheidung, wie sich später heraus stellt. Laut Plotter haben wir eine Höchstgeschwindigkeit von 9.9kn erreicht. Nachdem die Segel stehen führt eine Böe dazu, dass auch das Dinghy hochkant steht. „Und ich sage noch”, sagt Tom. Ich antworte mit „Ja ja”, denn Tom bat mich vorher noch einmal zu kontrollieren, ob die Vorcrew auch das Dinghy richtig vertäut hat. Ich vertraute mal wieder und wurde enttäuscht. Kurze Zeit später sitze ich mit Festmacher in der Hand eingepickt neben dem Dinghy und versuche es erneut zu befestigen. Da fragt mich mein Hirn:”Warum zum Henker atmest Du jetzt Wasser?”. Eine ziemlich fette Welle hatte mich mal eben komplett nass gemacht. Der Bug des Bootes machte gefühlt Höhenunterschiede von 2-3 Metern mit. Immer wieder schlägt mir das Wasser über den Kopf. Ich vertäue weiter das Dinghy. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass es fest ist. und bewege mich langsam nach achtern. Meine Kräfte sind kurz am Ende und ich sacke im Cockpit zusammen. Vorher öffne ich noch kurz die Spayhood, damit weitere Kurz-Duschen ausbleiben. Bei 40°C Außentemperatur und einer gefühlten Wassertemperatur nahe meiner Badewannenwohlfühltemperatur ist es zwar nicht kalt, jedoch nervt es schon, wenn die Kleidung an einem klebt. Ich gehe also runter und ziehe mir etwas Trockenes an. Tom steuert sitzend vor dem Steuerrad ziemlich hoch am Wind, sodass ich ihn bitte nicht dauernd das Vorsegel killen zu lassen, da es ziemlich auf das Material geht. Und wieder. Und wieder. Beim gefühlt zehnten Mal machte es kurz vorne „krrrz”. Ich gucke und finde einen fiesen Riss im Vorsegel.

 

„Tief Durchatmen” denke ich mir und mache mich auf den Weg ins Vorschiff, um dort das Sturmsegel auf dem Schrank zu holen. Tom bitte ich sitzen zu bleiben und Kurs zu halten. Vorne angekommen stelle ich fest, dass Georg zwar die Luke des Schiffes verriegelt hat, jedoch nicht in einen Verschlusszustand gebracht hat, sodass das Wasser, welches ich auch einatmen durfte, als ich das Dinghy befestigte, ins Vorschiff laufen konnte und dieses in eine kleine Tropfsteinhöhle verwandelt hat. Ich ziehe daher die Betten ab, und stelle die Schaumstoffpolster senkrecht, sodass das Wasser ablaufen kann . Danach wühle ich das Vorsegel aus dem Schnapp unter dem Bett. Im Zuge dessen fällt die Tür zum Vorschiff mit enormer Wucht zu und ich sehe die Klinke der Tür an mir vorbei fliegen. Das ist der Moment, in dem ich nicht mehr an mich halten kann und wild einige fiese Bemerkungen lautstark von mir lasse. Ich bin eingesperrt, das Schiff ballert mit einem gerissenen Vorsegel gegen 30 Knoten Wind und entsprechende See an, ich bin eingesperrt, den die Vorluke habe ich ja mit dem Dinghy versperrt und mir beginnt übel zu werden. Laute Schreie verlassen meinen Mund.

 

Mit einigem Fingerspitzengefühl kann ich den in der Tür noch steckenden anderen Teil der Klinke an seinem Vierkant wieder arretieren, sodass ich die innere Klinke wieder aufstecke. Es gelingt mir die Tür zu öffnen. Ich gehe mit der Sturmfock in den Salon. Dort stelle ich die Sturmfock ab und betrachte Tom, der etwas eingefallen und mit einem schmerzverzerrten Gesicht hinter dem Steuer sitzt. Auf Nachfrage erfahre ich, dass er während meiner kleinen Vorschiffaktion mal eben vom oberen leewärtigem Steuerrad hin zum Luvwärtigem unteren Steuerrad gefallen sei, nachdem er  aufgestanden sei, um zu schauen, ob sich nicht vor uns ein Schiff befinden würde. Es hätte einmal laut in seinem Knie gekracht. Ich sehe, dass sein Arm blau anläuft und atme tief durch.

 

Tom setzt sich ins Cockpit, während ich unter Autopilot das Vorsegel einhole. Ich entscheide mich auch das Großsegel einzuholen, damit wir unter Motor gegen den Wind andonnern können. Während dessen versuche ich Tom hinsichtlich der Schwere seiner Verletzung zu interviewen. Er kann nicht auftreten, ohne dabei Schmerzen zu haben. Gebrochen scheint aber nichts zu sein. Zu einem griechischen Arzt will er nicht. Also bitte ich ihn darum, zumindest seinen Hausarzt zu kontaktieren, damit man mal per Ferndiagnose feststellen kann, was denn so kaputt sein könnte. Wir einigen uns auf irgendwas zwischen Meniskus und Kreuzbandriss. Der Arzt sagt, dass man nicht unbedingt sofort etwas unternehmen müsse, er jedoch das Knie hochlegen und kühlen solle. Und das wo doch die Eismaschine kaputt ist, dachte ich.

 

Wir kühlen so gut es geht mit einem Sofort-Kühlpad und fahren weiter. Alles in Allem sollen es am Montag gute 40 Seemeilen sein, die wir hinter und legen, bis wir in den Hafen von Galaxidis einlaufen. Die See nervt richtig und durch die verschlossene Sprayhood und das geschlossene Bimini scheint ein kleiner Sog zu entstehen, sodass Tom und ich permanent den Geruch von verbranntem Diesel wahrnehmen. Mein Gefühl der Übelkeit nimmt zu. Ich bitte Tom etwas Ausschau zu halten und schließe für eine halbe Stunde die Augen. Eine fette Welle reißt mich aus dem Schlaf. Gefühlt war sie 6 Meter hoch und kam direkt von vorne, aber die Realität und das Gefühl gehen ja gerne auf See mal auseinander. Das Ganze passiert auf dem Weg wieder und wieder. Die Yacht fährt unter 2300 Touren gerade mal 2.5 Knoten maximal. Mit der Zeit beruhigt sich die See aber, sodass wir gegen 6 Uhr Nachmittag nur noch 20 Knoten Wind haben, gegen 7 nur noch 15 Knoten Wind, Tendenz abnehmend. Aber natürlich immer 100% gegenan.

 

 

Die Sonne ist bereits verschwunden, als ich noch mal und noch mal die Ansteuerungshinweise des Hafens lese. Der Windex gibt nun noch 12 Knoten Wind vor. Die See scheint sich endlich beruhigt zu haben. Mein Gefühl der Unwohlsamkeit hat sich auch wieder gelegt, jedoch freue ich mich darauf, nachher einen Fuß an Land setzen zu können.

 

Wir drehen alle technischen Geräte auf minimale Beleuchtung, was mich bei den Raymarine Einheiten immer wieder an einen Kampf gegen Windmühlen erinnert. Irgendwann habe ich es geschafft. Innen schalten wir auch die roten Lampen aus. Ich hole noch schnell eine Taschenlampe und eine Handlampe aus dem Salon. Die Handlampe eignet sich eher zur Decksbeleuchtung, also lassen wir sie lieber aus. Die Befeuerung an Land gleicht einer noch glimmenden Kerze. Die Untiefen, man könnte sie auch kleine Inseln nennen, die ich vor der Einfahrt befinden, sehen wir nicht und vertrauen dem GPS, bei Fahrt unter Standgas. Natürlich waren die Batterien der Maglite leer. Irgendwann, nachdem wir die Untiefen passiert haben, sehen wir Lichter. Die Ansteuerungstonne, die einen grünen Sektor haben sollte in dem man sicher in den Hafen fahren könnte, scheint diesen verdreht zu haben. Später stellen wir fest, dass man grün nur aus dem Hafen heraus sehen kann. Wir navigieren unter größter Vorsicht. Wir sehen den Hafen. Wir sehen weitere Boote. Wir sehen die Pier. Im Hafenhandbuch, wie auch auf der digitalen Karte, sehen wir, wo wir hin können. Angelegt wird römisch-katholisch unter Anker. Ich bringe die Fender aus und mache die Festmacher klar. Da Tom hinsichtlich seiner Bewegung eingeschränkt ist, kann er schon mal nicht an den Anker, um diesen herunter zu lassen. Ich denke über mögliche Strategien nach.

 

Erstmal tasten wir uns vorsichtig voran und fahren langsam an der einzigen Pier entlang, an der man anlegen könnte. Nach ca. 10 Minuten stellen wir fest, dass alle Plätze belegt sind. Also bleibt uns nichts anderes übrig als in der Bucht vor dem Hafen zu ankern. Wir drehen und fahren wieder aus dem Hafen heraus. Die Lichter um uns herum werden wieder dunkler und kleiner. Wir besprechen kurz das Ankermannöver. Danach werfen wir den Anker aus und checken, ob alles hält. Das Boot scheint fest vor Anker zu liegen. Wir überprüfen den Schwojkreis und beginnen ein Abendmahl zu bereiten. Ich in der Pantry und Tom noch immer im Cockpit sitzend. Nach diesem aufregenden Tag fallen wir ins Bett.

 

Am Morgen sieht die Welt doch gleich wieder heller aus. Wir frühstücken und machen uns einen löslichen Kaffee. Danach setze ich Tom an der Pier des Hafens ab. An Bord wäre es einfach unverantwortlich gewesen jemanden mitzubefördern, der nicht in der Lage ist, einigermaßen stabil zu laufen. Tom hat sich mittlerweile schon Hotels und einen Rückflug organisert, wollte aber einfach nicht zu einem griechischen Arzt.

 

Ich leite mein erstes Einhand-Ablegemanöver unter Anker mit Seitenwind ein. Ich verlasse die Bucht von Galaxidis mit einem interessanten Gefühl, denn erst jetzt realisiere ich, dass ich für die nächsten 40 Seemeilen mal alleine auf dem Schiff sein werde. Dieses Gefühl ist eine Mischung aus Leere, Freude, Furcht und Glück. Ich drücke mir ein paar Tränchen aus den Augen und sende ein Selfie an meine engsten Freunde. Danach denke ich an alles, was passieren könnte und baue mir als erstes die Badeleiter so um, dass ich sie auf jeden Fall aus dem Wasser ausklappen kann, was keinen Sinn ergibt, wenn das Boot eh mit Autopilot fährt.

 

Die See ist sehr angenehm ruhig und die Wettervorhersage sagt einen achterlichen Wind voraus. Yes! Also setze ich Segel und freue mich über 7 Knoten Fahrt, ohne den Motor hören zu müssen. Ich studiere noch einmal die Funktionen des NAVTEX Gerät, AIS Empfänger und die Radar-Einstellungen, sodass auf jeden Fall ein Warner anspringt, sobald sich mir etwas in den Weg stellt. Den AIS Warner und das Radar schalte ich ein. Die Badeleiter fixiere ich noch einmal so, dass ich sie auf jeden Fall aus dem Wasser herunter lassen kann. Nur um sicher zu gehen. Dass bei eingeschaltetem Autopiloten die Yacht ohnehin abhaut, ist eher ein sekundärer Gedanke. Der achterliche Wind schiebt mich prima. Allerdings kann ich mit der Sturmfock nicht die volle Geschwindigkeit heraus holen. Egal. Es ist phantastisch zu segeln.

 

Im Nachmittag sende ich eine Nachricht an meine restliche Crew mit der Frage, ob ich sie in Patras wieder an Bord begrüßen dürfte, bekomme allerdings die Antwort, dass dieser Fall wohl nicht eintreten wird, da es ihnen an Bord zu eng sei und sie ohnehin schon in Richtung Norden unterwegs seien. Schade. Somit war klar, dass ich den Rest des Trips nach Korfu wohl allein unterwegs sein werde. Noch einmal ein Wechselbad der Gefühle. Aber ich freue mich, auf alles was passieren wird!

 

Ich studiere noch einmal meine Karten und das Hafenhandbuch. Ich werde die Brücke von Rion passieren und muss mich vorher dort anmelden. Später werde ich den Hafen von Patras erreichen, wo ich plane einzulaufen. Unterwegs ohne Crew denke ich, dass es besser ist, abends in einen Hafen zu fahren und in Ruhe noch etwas essen und trinken zu gehen.

Irgendwann passiere ich die Brücke von Rion und lasse mich von diesem Bauwerk beeindrucken. Kurz vorher habe ich beim Hafenmeister von Patras angerufen, um mich schon einmal anzumelden. Alles scheint sehr entspannt. Nachdem ich die Brücke passiert habe, hole ich direkt die Segel ein und nehme Kurs auf den Hafen. Am Hafen angekommen sehe ich Buntes Treiben. Ein Mann winkt mir aus der Ferne zu und deutet auf einen bereits augenscheinlich vollen Steg. Ich versuche zu erklären, dass ich allein unterwegs sei und somit latent hinsichtlich meiner Manövrierfähigkeit eingeschränkt bin. Natürlich lässt sich der Mann nicht davon abhalten, mir weiterhin zu deuten, dass ich in die schmale Gasse fahren soll.

Ich entscheide mich noch einmal zu drehen, um dann rückwärts auf die Gasse Kurs zu nehmen. Tatsächlich bietet sich eine 4 Meter breite Lücke zwischen zwei bereits liegenden Booten. Mit entsprechender Fahrt biege ich in die Box und werfe die vorbereiteten Festmacher dem Marinero zu. Da es keine Klampen auf dem Steg gibt, zieht er meine Festmacher durch Ösen und gibt sie mir zurück. Danach bekomme ich die Mooring Leinen und mache ebenfalls fest. Ich dampfe noch einmal in die Mooring ein, ziehe alles fest und bin somit mein erstes Einhand-Anlegemanöver – ja mit Unterstützung des Marinero – gefahren. Ich bin glücklich und auch erleichtert festgemacht zu haben. Schade ist lediglich, dass keine Crew auf mich wartet.

Der Sonnenuntergang von Patras ist wundervoll. Ebenso ist schön, dass die Hafengebühr im Hafen von Patras ebenfalls extrem übersichtlich ist. Die Qualität der sanitären Anlagen allerdings auch.

Ich entscheide mich, auswärts Essen zu gehen und frage den Marinero nach einem Tipp. Ca 600 Meter weiter sei eine belebte Hauptstraße mit einer Menge Restaurants. Also mache ich mich auf den Weg und finde ein griechisches Restaurant, indem eine Pide feilgeboten wird. Dazu gab es typisch griechisches Bier. Heineken.

 

Nach dem kulinarischem Highlight des Tages für 10 Euro gehe ich wieder zurück in die Marina und mache es mir an einer der Bars bequem. Der Gin-Tonic gibt mir eine gute Abrundung für den Tag. Die Nacht ist extrem ruhig.

 

Am Morgen entscheide ich mich kurz die Waschräume aufzusuchen, um – nachdem ich meine Nase in die Waschräume halte – an Bord zu duschen. Der Check-Out verläuft problemlos, sodass ich etwas Zeit habe die Wettervorhersage zu studieren. Der Wind soll noch 2 Stunden wehen und dann einschlafen. Still und heimlich freue ich mich auf eine Fahrt unter Motor. Nicht.

 

Ich fahre also aus dem Hafen hinaus und setze Segel. Bei BFT4 sieht eine Sturmfock irgendwie albern aus, aber ich mach bei halben Wind gute Fahrt. Ca 1.5 Stunden später schläft der Wind ein. Also hole ich die Segel ein und fahre unter Motor weiter. Die See ist sehr ruhig und ich sehe wieder diese Folie auf dem Wasser, die ich mit meinem Boot durchreiße.

 

Mein designiertes Ziel an diesem Mittwoch ist der 55 Seemeilen entfernt liegende Hafen von Vathi, an dem ich auch gegen 20 Uhr ankomme. Entgegen meiner Annahme ist der Hafen allerdings an allen Ecken und Enden voll, sodass mir lediglich die Wahl bleibt den Anker zu werfen. 30 Minuten später ist der Anker fest und ich habe sichergestellt, dass die Yacht fest liegt. Entgegen meiner Annahme, dass die Bucht von Vathi extrem geschützt ist, bläst der Wind unaufhörlich aus Norden in die Bucht, sodass sich sämtliche ankernden Boote permanent bewegen.

 

Das Treiben an der Hafenpromenade ist wirklich wundervoll zu betrachten. Die Sonne geht langsam unter und die Lichter der Promenade beginnen zu glänzen.

 

Ich entscheide mich für die wohl auf einem Segelboot beliebteste Speise am Abend: Nudeln in Tomatensauce. Dazu Thunfisch. Dazu: eine Flasche Rosé. Ich hatte ja noch etwas von der Bevorratung der Crew.

 

Am Morgen stehe ich nach einer extrem ruhigen Nacht auf. Der Anker hielt offensichtlich und der Wind hielt sich über Nacht in Grenzen. Als ich aufstehe, ist die Sonne noch hinter den Bergen. Die Luft ist glasklar. Die Stadt ruhig. Nur ein Fischerboot dreht in der Bucht seine Kreise und versucht wohl ein paar Fische zu fangen. Also koche ich mir erst einmal einen Kaffee (ich habe noch für genau eine kleine Kanne genügend Kaffeepulver gefunden und freue mich wie ein kleiner König) und mache mir paar Scheiben Toast. Danach genieße ich, wie die Sonne hinter den Bergen der Insel empor steigt und beginne in der Karte meinen nächsten Reiseabschnitt zu studieren. Dabei fällt mir auf, dass ich mit vielen anderen Segelbooten in einem Bereich ankere, in dem das Ankern untersagt war. Wohl damit eine Schneise für ein- und ausfahrende Boote frei bleibt. Die Schneise ist groß genug.

 

Als erstes möchte ich die Yacht betanken. Als ich gegen 7:30 Anker lichte, hat die Tankstelle bereits geöffnet, sodass ich einmal volltanken kann. Zwar ist es hier kein Schnapper, aber ich habe wieder genug Sprit an Bord. Super. Raus aus der Bucht und rein in die See.  Bei traumhaftem Wetter.

 

An diesem Morgen ist die See spiegelglatt. Somit habe ich Zeit bei eingeschaltetem Autopilot mal das Vorsegel herunter zu holen und näher anzuschauen. Der vermeintlich kleine Riss ist dann doch ca 1m lang. Direkt an der Naht. Heroisch hole ich Segelgarn und versuche 2 Stunden lang den Riss zu nähen. Ganze 20cm habe ich in 2 Stunden geschafft. Ich gebe auf und schaue im Hafenhandbuch nach dem nächsten Segelmacher. In Lefkas soll es einen geben. Also rufe ich dort an und frage, ob sie in einer Notfall-Aktion mein Vorsegel flicken können. Können sie. Sagen sie. Ich freue mich.

 

Der Weg von Vathi nach Lefkas verläuft extrem beschaulich. Die See bleibt glatt. Es weht kein Lüftchen. Es ist warm. Gegen 14 Uhr komme ich in der Marina an. Ich bin erst in den öffentlichen Hafen gefahren, stelle dann aber fest, dass es keinen Mooring-Platz für mich, bzw. einem Schiff mit 2.2m Tiefgang hier gibt. Daher fahre ich in die daneben liegen D-Marina, welche extrem gut ausgestattet ist. Mein Plan am Abend noch weiter zu fahren wird direkt durchkreuzt, nicht zuletzt, weil der Marinero sagt, dass ich sowieso für eine Übernachtung bezahlen muss, wenn ich anlegen will.

 

Ich weiß ohnehin nicht, wo der Segelmacher ist, wie lange er wirklich braucht und was mich sonst noch alles erwartet, also lege ich an und suche erst einmal den Segelmacher. Ich finde ihn schnell, nachdem ich mich darüber ärgere, dass man in dieser Marina, welche dem gleichen Inhaber wie die in Athen gehört, zum einen andere Chipkarten für die Dusche – die Übrigens sehr sauber war – benötigt, und darüber hinaus für Dusche und Strom jeweils andere Karten kaufen muss. Demnächst werden auch noch eingeworfene Mülltüten abgerechnet. Natürlich auch mit einer anderen Chipkarte.

 

Der Segelmacher kommt zu meinem Boot. Auf dem Weg vom Segelmacher laufe ich zufällig einer Reinigungskolonne über den Weg, die ich bitte bei mir vorbei zu kommen. Sie wollen um 6 Uhr am Abend zu einer Inspektion des Bootes bei mir sein.

 

Fürs Flicken des Risses veranschlagt der Segelmacher 70 Euro. Ich gebe ihm das Segel direkt mit. Die Reinigungskolonne kann die Yacht am Morgen direkt um 8 reinigen. 100 Euro. Gebucht.

 

Ich gehe duschen und mache es mir danach im Cockpit gemütlich, während plötzlich erneut der Segelmacher kommt. Entgegen aller Erwartungen trägt er das bereits genähte Segel bei sich. Mir zu helfen es hoch zu ziehen kostet noch mal 20 Euro und geht erst morgen früh gegen 9. Perfekt. Gebucht. Denn der Putztrupp wird eh nicht eher fertig sein.

 

Ich ziehe mich um und gehe in die Stadt von Lefkas. Extrem Touristisch, aber auch sehr schön. Sollte man auf jeden Fall gesehen haben, wenn man schon vorbeikommt. Nach einem Abendmahl, einem guten Wein und einem Becher Eis schlendere ich wieder zurück zum Boot. Ich fühle mich sicher und gelöst. Aufgrund der angehäuften Vorräte, öffne ich eine Flasche Rotwein und lasse den Abend ausklingen.

 

Neben mir liegt ein schwedisches Paar, welches sich vor einigen Jahren eine Bavaria 42 aus 2004 gekauft hat und nun den Sommer darauf in Griechenland verbringt. Er hat ein künstliches Hüftgelenk und ist in den frühen Ruhestand gegangen. Sie mit ihm. Wir plaudern etwas über zu kleine Dinghymotoren, Griechenland, teure Yachten und den Segelmacher, denn der Schwede hat ein komplettes Segel Re-Fit bei diesem Segelmacher machen lassen und hat im Vorsegel eine kleine Unwucht, die der Segelmacher am nächsten Morgen beheben soll.

 

Am nächsten Morgen stehe ich um 7 auf, gehe duschen und falte meine Sturmfock zusammen, die ja noch bis vor kurzem am Vorstag hing. Der Putztrupp kam mit drei Damen pünktlich um 8. Ich übergab ihnen die Yacht und ging etwas frühstücken.

 

Der Segelmacher kommt um 9 und zieht mit mir das Segel hoch. Um 10 sind wir fertig und das Boot von innen perfekt gereinigt. Super Service! Somit bin ich also bereit zum Ablegen, was ich dann auch tue.

 

Zu jeder vollen Stunde öffnet die Brücke in Lefkas. So genau ist es im Hafenhandbuch nicht beschrieben. Daher komme ich schon ein paar Minute zu früh an und warte. Bei nahezu windstillem Wetter und tollem Sonnenschein ist das allerdings das kleinere Problem. So habe ich Zeit die Fender reinzuholen und das Boot für den kommenden Trip noch einmal quer zu checken. Sicher ist sicher. Die Brücke öffnet pünktlich und ich komme gut durch. Dann bin ich wieder mehr oder weniger auf der offenen See und bewege mich langsam aber sicher mit nordwestlichem Kurs in Richtung Lakka auf der Insel Nisos Paxos. Der Wind frischt auf BFT4 auf, allerdings wieder direkt mir gegenan.

 

Für eine Stunde ignoriere ich mein Ziel, nehme den am höchsten möglichen Wind und fahre unter Segeln und ohne des dröhnen des Motors etwas nördlicher als ich müsste. Ein Traum. Ich gehe zum Bug des Schiffes und höre den Wellen zu, die immer wieder gegen das Boot schlagen. Die Sonne scheint wunderbar und der Wind zieht das Boot langsam aber sicher förmlich Richtung Norden. Die Sonne steht weit oben und ich beobachte die wundervolle Landschaft um mich herum.

 

Nach einer Stunde flaut der Wind dann wieder ein wenig ab, sodass ich meine kurz aufgekommene Idee des Kreuzens auch wieder beiseitelege, die Segel runter hole und mit dem Motor nach Lakka fahre.

 

Da ich insgesamt etwas freie Zeit habe, nutze ich diese, um ein paar meiner E-Mails zu checken und etwas zu arbeiten. Der Radar- und AIS Warner haben mich bei jeder kleinen Gelegenheit alarmiert. Die technischen Errungenschaften sind eine grandiose Hilfe, auch wenn man mal kurz unter Deck muss.

 

Die Bucht von Lakka wird im Hafenhandbuch angepriesen. Ich wollte eigentlich schon Freitagabend im Hafen von Korfu liegen, allerdings hatte ich ja keine Crew mehr, die einen frühen Flieger bekommen musste und hatte daher noch etwas Zeit. Außerdem wollte ich zumindest mal für ein paar Minuten Schwimmen gehen, ohne Angst um die Yacht zu haben.

 

Als ich in der Bucht ankomme, stelle ich fest, dass ich nicht der einzige bin, der der Empfehlung des Hafenhandbuchs gefolgt ist. Die Bucht ist rappelvoll. Ich suche einen Platz und starte ein Ankermanöver. Anker hält. Allerdings kann ich die Marke der Butter der Crew erkennen, die im Boot neben mir gerade damit beginnt das Dinner zu starten. Ich lächele freundlich und schiebe ein „oh, too close“ hinterher. Anker wieder rauf und das Ganze noch einmal. Dieses Mal sieht es gut aus. Großartig! Ich freue mich.

 

Die Bucht ist so wunderschön, dass ich die GoPro Actioncam den Mast hochziehen möchte, um ein paar Panorama-Aufnahmen zu machen. Also befestige ich die GoPro am Gimbal, um stabile Videos zu bekommen, den Gimbal lasse ich an einem flexiblen Arm befestigt und befestige den Arm am Spifall. Die andere Seite des Spifalls befestige ich ebenfalls am Arm, damit ich die Kamerakonstruktion auch wieder hinunterziehen kann. Ok, Kamera einschalten und hochziehen. Es wackelt da oben doch gewaltig und die Kamera schlägt immer wieder gegen den Mast. Für gute Aufnahmen MUSS DAS JETZT aber sein. Am Radardom vorbei, weiter hoch. Und dann … wie in Zeitlupe sehe ich, wie sich der flexible Arm in seine Bestandteile auflöst und die Kamera samt Gimbal und Ende des Spifalls nach unten saust. Meine Gedanken gehen zwischen „Ne, oder?“, „Bitte aufs Boot, bitte aufs Boot, Bitte aufs Boot!“ und „Au Scheisse!“ hin und her. Mit einem großen dumpfen Knall schlägt die Kamera samt Gimbal glücklicherweise auf das Dinghy auf. Fliegt noch mal hoch und scheppert aufs Deck. Was übrig bleibt ist ein gebrochener Gimbal, eine defekte Flex-Halterung und am schlimmsten – ein am oberen Mast schlagender Schäkel des Spifalls – Samt baumelndem Spifall. Meine Scham ist auf dem Höhepunkt, da das dauernde BÄMM BÄMM BÄMM durch die ganze Bucht schallert. Ich Idiot. Akrobatisch versuche ich mit dem Großfall das Spifall herunter zu bekommen, bis ein Skipper von nebenan sich erbarmt und mich fragt, ob er helfen könne. Er kann.

 

Er kommt mit seinem Dinghy rüber gepaddelt und fragt, wie ich gedenke, das Spifall herunter zu bekommen. Tja, man nehme einen Bootsmannstuhl, ein Großfall und einen Mann an er Winsch. Wir verteilen die Rollen. Ich setze mich in den Stuhl und lasse mich hochwinschen. Der Mann hat ziemlich viel Kraft, denn ich bin in gefühlter Windeseile oben. Dort genieße ich kurz die Aussicht, von der ich nun keine weiteren Bilder mit der GoPro gemacht habe und lasse mich wieder herunter holen. Ich bedanke mich für seine heroische Tat und er sich bei mir für das Workout, was ihm ohnehin heute noch fehlte.

 

Yeah! Das Spifall ist wieder unten. Ich baue die augenscheinlich noch intakte GoPro um und ziehe mir schnell eine Badehose an. Endlich kann ich ins Wasser springen! Whoohoo! Das Gefühl ist so toll, dass ich es ungefähr 10 mal wiederhole. Ich schwimme um das Boot herum und genieße das warme und zugleich glasklare Wasser, tauche ein wenig in Richtung Anker und besichtige das Boot von unten. Es ist herrlich.

 

Danach gehe ich wieder an Bord. Jetzt noch das Dinghy runter holen und an den Steg zu fahren ist mir zu anstrengend. Außerdem habe ich noch genügend Vorräte. Also mache ich mir eine weitere Gemüse-Nudel-Tomatenmischung und öffne eine Flasche Rosé – dann auch die letzte. Es sind zwar noch Reste-Flaschen da, aber das Zeug muss ja auch weg. Außerdem ist das Leben zu kurz für abgestandenen, warmen Rosé. Es wurde dunkel und ich nehme die GoPro, um zu schauen, was denn vom Mast brauchbares heraus gekommen ist. Die Kamera stand im „Time Lapse Modus“ und hat nur alle 30 Sekunden ein Bild gemacht. Von der ganzen Aktion habe ich daher genau 4 Bilder, von denen genau 1 Bild scharf ist. Besser als gar keins, denke ich mir. Ich Idiot.

 

Für den kommenden Morgen stelle ich mir den Wecker auf 6 Uhr. Ich trinke am Morgen einen letzten Kaffee (ja! Ich habe noch das letzte Notfall Kaffeepulver gefunden), lichte den Anker und mache mich auf den Weg nach Korfu in die Marina Gouvia. Ein tolles Gefühl. Ich habe so gut wie alles hinter mir, ein heiles Boot, ein repariertes Vorsegel und einen sauberen Innenteil des Bootes. Der Morgen bietet eine phantastische Stille. Die See ist spiegelglatt und die Sonne gerade im Begriff aufzusteigen. Nur die Tatsache, dass meine Crew abhandengekommen ist, stimmt mich etwas wehmütig.

 

Auf dem Weg nach Korfu mache ich das Schiff final klar zur Übergabe an den Folgeskipper. Ich räume meine Kabine leer und wische noch einmal durch die Pantry. Die Kabinen und die Waschräume wurden ja bereits vom Reinigungstrupp blitzblank gemacht. Kurz vor Ankunft auf Korfu ist die Yacht daher schon klar zur Übergabe.

 

Der Folgeskipper wollte um 13 Uhr ankommen, daher will ich ebenfalls gegen 13 Uhr dort sein. Bin ich auch, allerdings dauert es eine Stunde, bis ich einen Liegeplatz zugewiesen bekomme. Die Marina platzt aus allen Nähten.

 

Am Liegeplatz machen wir gegen 14 Uhr eine Übergabe. Ich bringe noch den letzten Müllsack an Land und verabschiede mich von der neuen Crew. Hinter mir liegt eine teils atemberaubende, teils aufregende, teils unnötig schwierige, aber auch eine teils phantastische Woche mit vielen positiven Eindrücken.

 

Dann fällt mir auf, dass die mobile Eurowings App eine andere Uhrzeit angibt, als mein Kalendereintrag. Ich habe offensichtlich vergessen die richtige Zeitzone einzutragen. Und bin somit eine Stunde hinter meinem Zeitplan. Also spute ich los zum Taxi. Ich kam noch pünktlich am Flughafen an. Es geht nach Hause. Teils erschöpft, teils erlöst, teils entspannt und teils nachhaltig schockiert von den ersten Tagen meiner Reise lasse ich diese auf dem Rückflug passieren und widme ihr daher diesen Blogeintrag, dem Törnbericht von Athen nach Korfu.

 

 

By |24. Oktober 2017|Sailingblog|0 Comments

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Geboren in der kleinen Stadt Datteln, aufgewachsen in der ebenso kleinen Stadt Waltrop hat es mich schnell in die große weite Welt gezogen. Irgendwo zwischen Dortmund, Ibiza und San Francisco bin ich hängen geblieben. Mein Herz hat sicher seine Aufhängung an allen drei Städten, da alle für mich ihren besonderen Charme haben.

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